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Was hat die Pädagogik in den letzten 100 Jahren geleistet?

Der pädagogische Impakt

Der pädagogische Impakt traf vor ca. 300 Jahren in Form der Aufklärung und einer großen Dichte an  brillanten visionären Denkern ein, wie zum Beispiel Immanuel Kant (1724-1804) der schrieb:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen [A482] (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. …“ (4. Kant)

Ein anderer großer Philosoph und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) verfasste ebenfalls ein Grundlagenwerk (neben den Contrat social), und zwar den Emile – oder über die Erziehung:

“ Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen. Der Mensch zwingt ein Land, die Erzeugnisse eines anderen hervorzubringen, einen Baum, die Früchte eines anderen zu tragen. Er vermengt und vertauscht das Wetter, die Elemente und die Jahreszeiten. Er verstümmelt sein Hund, sein Pferd, seine Sklaven. Alles dreht er um, alles entstellt er. Er liebt die Mißgeburt, die Ungeheuer. Nichts will er haben, wie es die Natur gemacht hat, selbst den Menschen nicht. Man muß ihn, wie ein Schulpferd, für ihn dressieren; man muß ihn nach seiner Absicht stutzen wie einen Baum seines Gartens. ….“ (6. Rousseau)

Ich muss sagen, wenn ich diese Abschnitte in Beziehung zu heute setze elektrisieren diese mich förmlich. Aber zuvor möchte ich noch die anderen großen Pädagogen aus dem gleichen Jahrhundert zumindest namentlich würdigen, dies sind: John Locke (1634-1704), Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) und wenn man noch die deutsche Klassik mitzählt: Humboldt (1767-1835), Johann Friedrich Herbart (1776-1841) es gab wohl kaum eine Epoche in der Geschichte der Pädagogik, die so geballte pädagogische Denker hervorbrachte. Man spricht durchaus  auch vom pädagogischen Jahrhundert. (3. Gudions)

Was soll Pädagogik leisten?

Noch zur Wortbestimmung von Pädagogik und Erziehungswissenschaft. Ich verwende den Begriff Pädagogik eher im Sinn von angewandter/n Erziehungswissenschaft(en), also in Form von Exekutive und die Erziehungswissenschaft(en) als Legislative. (Ob man das so darf, sei dahingestellt? Ich mache es halt. Es wird eh schwierig, diese Begriffe scharf zu trennen, warum, zeigt sich im Folgenden. )

Wenn man auf Kant zurückgreift wird Erziehung notwendig, um aus der Unmündigkeit hervorzutreten. Deutlicher wird es bei Rousseau „Man muß ihn, wie ein Schulpferd, für ihn dressieren; man muß ihn nach seiner Absicht stutzen wie einen Baum seines Gartens… Heute würde es kein Pädagoge mehr wagen von Dressur zu sprechen. Allerdings gerät man bei pädagogischer Erziehung in ein Dilemma und das liegt in der Eigenstruktur der Erziehung (siehe unten).

Die Eigenstruktur der Erziehung

Die „Institutionalisierung der Erziehung ist seit der Aufklärung Programm.“ ließt man bei Blankertz (1982). Das heißt nichts anderes als das man für Kinder und Jugendliche einen Schonraum bis zur Schwelle des Berufseintritts geschaffen hat. Aber gerade dieser Schonraum wurde von der technischen Entwicklung, durch Massenmedien, Werbung und der elektronischen Unterhaltungsindustrie eingeholt. (Ein aktuelles Beispiel wie  dieser Schonraum perforiert wird kann man bei Scheppler in seinem Beitrag Twitter-Tool für die Schule und Unterricht nachlesen.) Blankertz spricht dann von einer beschädigten pädagogischen Qualität. Sicherlich nimmt die technische Entwicklung Einfluss auf eine pädagogische Arbeit, diese können mit Sicherheit auch von negativer Art sein, aber man muss auch die positiven Aspekte gegenrechnen und die Differenz daraus bilden. An dieser Stelle denke ich aber erst einmal nicht weiter. Das ist Thema für einen gesonderten Blogbeitrag.

Geht man davon aus, dass es Aufgabe von Erziehung ist: den Nachwuchs auf die Erwachsenenwelt der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft vorzubereiten damit sie sich reproduzieren kann, dann hat die schulische Erziehung ihre Aufgabe erfüllt. Sie hat es auch geschafft sich für die Demokratisierung (zu den Zeiten nach den Weltkriegen) zu öffnen und die Heranwachsenden auf die technisch-wissenschaftliche Zivilisation vorzubereiten.  Sie konnte bisher die benötigten Qualifizierungsanforderungen liefern, welche für die jeweilige Gesellschaft wichtig waren und sind. Obwohl zu den Generationswechseln immer wieder von Leistungsverfall gesprochen wird, können die pädagogischen Akteure mit ihren Leistungen zufrieden sein. (1. Tischer)

Einschub: Werteverfall oder Wertewandel?

Man findet eine Teilauslese von New-Business-Skills im Blogbeitrag von Ralf mit dem Titel: 10 Dinge, die Schüler auf der Pfanne haben sollten wieder. Dabei wird deutlich wie sich Erziehungsziele ändern können, wenn man aus einer bestimmten Perspektive schaut. Und noch ein paar Sätze zum angeblichen Leistungs- und Werteverfall. Die in den letzten Tagen erschienenen, interessanten Umfragen vom Allensbach Institut bezüglich den Anforderungen für Schule und Erziehung zeigen deutlich welche Normen und Werte in unserer Gesellschaft heute als wichtig angesehen werden (Bei der Erhebung handelt es sich nicht nur um Werte, bzw. Normen, sondern auch um Kenntnisse.).

schulanforderungen

Und im Generationtionenbarometer 2009 findet man:

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Gerade im Generationenbarometer wird ein Wandel von Erziehungszielen deutlich. Diese sind aber auf das Eltern-Kind Verhältniss bezogen, verdeutlichen aber, dass es einen Wandel von Erziehungszielen gibt. Ich glaube jede Generation hat ihre eigenen Vorstellungen von Werten und Normen und werden auch dadurch bestimmt in welcher  (wirtschaflichen) Lage sich eine Gesellschaft befindet. Was bedeutet das für die Pädagogik? Im Wandel der Erziehungszielen bezüglich von Werten und Normen ist das ein riesen Problem. Als Lehrer kann ich nicht wissen, wie die gesellschaftlichen Normen  in 20 Jahren aussehen werden. Es kommt noch ein weiteres Problem hinzu und zwar die Schwierigkeit seine persönlichen Ansichten (auch Überzeugungen, Beliefs oder Glaubenssätze) zu gunsten neuer Ansichten aufzugeben. Die eigenen Werte sind solche Überzeugungen. Wer schon mal versucht hat eine schlechte Angewohnheit abzulegen weiß wovon ich schreibe.

Aber,

gerade eben diese Pädagogen behaupten, postulieren, moralisieren: “ Erziehung erschöpfe sich nicht in der Zurichtung des Nachwuchses für die Belange der (kapitalistischen) Ökonomie. Der Eigenstruktur der Erziehung sei vielmehr auch eine ethische Dimension zueigen, die in dem Beschriebenen nicht aufgehe, sondern im Wiederspruch zu ihr stehe.“ (1.Tischer) Oha, welch ein Eigentor nach solch einem Postulat, denn nun kommt wiederum die ethisch, soziale Komponente ins Spiel. Es ist von Charakterstärke und Humanität die Rede. Nun steckt die Pädagogik endgültig in einer Zwickmühle: Pädagogische Verantwortung legitimiert sich mit der Weitergabe der Verantwortung an den Nachwuchs. Weil Kinder mündig werden müssen, deshalb sei Erziehung auf Mündigkeit angelegt. Aber die notwendig auf Mündigkeit angelegte Idee von Erziehung stehe in Spannung zu den die Erziehung überformenden, nicht-pädagogischen Normauflagen. Aber wer macht denn diese Normauflagen? Jetzt könnte ich es mir einfach machen und sagen die Gesellschaft. Aber wer ist die Gesellschaft? Ich bin nun am Punkt angelangt, an dem die eine Lobby die Schuld auf die andere schiebt. Die Lobbyisten wären Politiker, Kirchenvertreter, Lehrer, Eltern, Manager, Medienmacher,… Diese nicht-pädagogischen Normauflagen sind die hinter den (Erziehungs-) Zielen liegenden Überzeugungen/Soll-Vorstellungen, die sich in längeren Zeitabschnitten entwickelt haben und für einen größeren Kulturkreis gelten. Als Norm gelten zum Beispiel die Menschenrechte, die Zehn Gebote (3. Gudjons) oder im engeren Sinn können Normen auch für kleinere Gruppen gelten wie Lehrer oder Eltern (Zum Beispiel man soll seine Kinder gesund ernähren.) Normative Zwänge werden aber nicht von der Pädagogik generiert. Die normativen Zwänge stehen eher der pädagogischen Aufgabe entgegen und werden der Exikutiven im Zweifel verhaftet und bemängelt, gehen dem Lehrer im Prinzip aber nichts an. (siehe oben)

Der ethisch inspierierte Jugendbildner arbeitet an der Mündigkeit des Zöglings, nicht an den kruden Verhaltensnormen der von den pädagogischen Idealen ungerührten Gesellschaft. (1. Tischer) Mit diesem Satz bin ich nicht ganz einverstanden, da er die Lehrer in eine Unmündigkeit entlässt, denn Lehrer sind ebenso ein Teil der Gesellschaft wie alle anderen Gruppen auch und können die Verantwortung ihres Tuns somit nicht einfach abschieben. Er verdeutlicht aber recht gut einen Teil der Eigenstruktur der Erziehung.

Fazit:

In Hinsicht auf bloße Reproduzierbarkeit hat die Pädagogik durchaus ihre Aufgabe erfüllt, bedenkt man wie schnelllebig die Erwartungen sich an ihr  ändern. Durch die Eigenstruktur der Erziehung kann die Pädagogik nur zum Teil auf den ethisch/humanen Aspekt der Erziehung eingehen. Hier muss sich der Lehrer eher selber fordern und sich Gedanken über seine eigene Werte machen. Es liegt doch auf der Hand: Man kann nicht Teamfähigkeit predigen und ist selber nur Einzelkämpfer. Man kann nicht Nächstenliebe predigen und die Schüler sind nur für einem der Rotz am Ärmel.  Für viele mit Sicherheit eine Lebensaufgabe.

Wie kann es weiter gehen?

Wird es eine pädagogische Umstrukturierung durch das Web 2.0 geben?

Glaubt man dem allgemeinen Gemurmel im Web, verheißen Web 2.0 Werkzeuge wie Wikis, Weblogs, Social-Networking und RSS eine neue Ära des Lernens. Und nicht nur da, es heißt zum Beispiel im Video von Michael Wesch (Das Video wurde bis dato immerhin weit über 8,5 Millionen mal abgerufen und wenn man die Derivate des Videos berücksichtigt über 10 Millionen mal. ):

“ We’ll need to rethink a few things…. copyrigt, authorship, identity, ethics, aesthetics, rhetorics, governance, privacy, commerce, love, family, ouerselves.“

(Weitere Beispiele: Lernen im 21. Jahrhundert Beispiele, von Torsten Larbig, Werner Hartmanns 10 Thesen zur Zukunft von Computer und Internet an Schulen und taz, Bildung im Web 2.0 Das Ende des Frontalunterrichts )

Hier sehe ich allerdings keine echte Erneuerung auf uns zukommen. Da es sich im Web 2.0 um Methoden, bzw. Werkzeuge handelt. Vielleicht kann man das mit einem Glas Wein vergleichen. Wenn ich einen schönen Wein genießen möchte ihn aber aus unterschiedlichen Gläsern trinke, bleibt es immer noch der gleiche Wein. Nun kann man darüber fachsimpeln, ob der Wein aus einem richtigen Weinglas, wo das Buket richtig zur Geltung kommt, besser schmeckt, als aus einem Senfglas. Und ähnlich sehe ich es mit Web 2.0 Methoden und dem Verarbeitungsprozess von Normen und Zielen in der Pädagogik. Ich gehe eher davon aus, dass pädagogische Altlasten in eine Web 2.0 basierende Verarbeitung mit übernommen werden, vielleicht sogar noch verstärkt werden.

Erziehung durch visionäre Ziele?

In einem Lehrgang zur Mitarbeiterführung habe ich gelernt, dass visionäre Ziele mit die stärksten Motivatoren sein können. Martin Luther King (1929-1968): I have a dream. Mahatma Gandhi (1869-1948): Die Unabhängigkeit von Indien. Es gibt unzählige weitere Beispiele durch visionäre Ziele ganze Gesellschaften zu beeinflussen. Eins haben diese Beispiele noch gemeinsam: Sie entstanden aus einer Notwendigkeit heraus. In den beiden konkreten Fällen war es eine starke Unterdrückung, die mit viel Leid und Elend zu tun hatten. Das war eine weitere starke Motivation etwas zu ändern.

Was ist heute? Ich glaube wir sind einfach zu satt. Der Leidensdruck ist nicht hoch genug um wirkliche Änderungen in der Gesellschaft (und damit auch in der ethischen Erziehung) zu schaffen. Erst wenn einem das Wasser bis zum Hals steht wird sich etwas ändern. Dies zeigt eindrucksvoll auch die gesellschaftliche Geschichte.

Quod erat demonstrandum!

Mein Fazit:

Dennoch anfangen und mit gutem Beispiel voran gehen, erst bei sich und dann in seiner erreichbare Umgebung. So schließt sich der Kreis wieder: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Quellen:

  1. Tischer, Michael: Die Eigenstruktur der Erziehung. In: Pädagogische Korrespondenz. Zeitschrift für kritische Zeitdiagnostik in Pädagogik und Gesellschaft. Heft 8. Wetzlar: Büchse der Pandora 1991. S. 59-67
  2. Blankertz, Herwig: Die Geschichte der Pädagogik, Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Büchse der Pandora, 1982. S. 305-307
  3. Gudjons, Herbert: Pädagogisches Grundwissen. Überblick – Kompendium – Studienbuch. 8. Aufl : Klinkhardt, 2003
  4. Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung? Uni-Potsdam, Texte zur Philosophie Link: http://www.uni-potsdam.de/u/philosophie/texte/kant/aufklaer.htm
  5. Wesch, Michael: Web 2.0… The Machine is Us/ing Us YouTube: http://www.youtube.com/watch?v=6gmP4nk0EOE
  6. Rousseau, J.-J.: Emil oder Über die Erziehung. 13. Aufl: UTB, 1998 S. 10
  7. Hubertus Brantzen u. a., “Generationenbarometer 09,” in (gehalten auf der Pressekonferenz Generationen Barometer 09, Berlin, 2009), http://www.familie-stark-machen.de/files/generationenbarometer09_pressemappe.pdf.
  8. Renate Köcher, “Schulen und Lehrer aus der Sicht der Bevölkerung” (Institut für Demoskopie Allensbach, März 26, 2009), IFD 10029, 10035.
  9. Hubertus Brantzen u. a., “Generationenbarometer 09,” in (gehalten auf der Pressemappe zur Pressekonferenz Generationen Barometer 09, Berlin, 2009), http://www.familie-stark-machen.de/files/generationenbarometer09_pressemappe.pdf.

Nachgetragen:

  1. Bildungsserver: Stichwort Mündigkeit http://wiki.bildungsserver.de/index.php/M%C3%BCndigkeit

Why do I blog this?: Eigentlich aus zwei Gründen: 1. Ich bereite mich auf eine mündliche Prüfung in Erziehungswissenschaften vor. Das Thema ist u.a. Geschichte der Pädagogik. Dabei bin ich auf den Text von Blankertz „gestoßen worden„. Die Eigenstruktur der Erziehung ist ein Schwerpunkt in der Prüfung. Obwohl das Schlusswort von Blankertz vor 1982 gefasst wurde, finde ich ihn nach wie vor aktuell. Beschäftigt man sich mit der noch recht jungen Pädagogik finde ich die eingehende Frage sehr spannend. Ich lerne dabei viel über die Päpdagogik selbst, sowohl als auch etwas über die Probleme unserer Zeit. 2. Bin ich wirklich gespannt, ob sich andere für solche, doch recht theoretische Fragestellungen interessieren können, und ebenso nutzen daraus ziehen können.

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