Web 2.0 in der Berufsschule (V)

Mit Hilfe von Weblogs kann die Kommunikation zwischen Auszubildenden, den Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule (im dualen Bildungssystem) mit wenig Aufwand realisiert werden.

Eigentlich die spannendste These. Und es gibt tatsächlich Blogs die von Auszubildenden geschrieben werden, die möchte ich doch gleich mal als Beispiele an den Anfang stellen. Ich habe die sechs Blogbetreiber angeschrieben und einige Fragen zu meiner These gestellt:

  • Würden Sie dieser These zustimmen?
  • Könnte man nach Ihrer Meinung die Ausbildungsnachweise durch ein täglich geführten Blog ersetzen?
  • Auszubildende könnten so auch eine „Visitenkarte“ mit als Bewerbungsmaterial anführen.

Die Antworten:

In der Vergangenheit wurde den Schulen immer wieder ihr Mangel an Flexibilität vorgeworfen. Aber wie sieht es in den Betrieben aus? Ich habe die 6 Betriebe oben zu meiner These befragt. Sicherlich beurteilen bloggende Unternehmen gegenüber „Web 1.0 Betrieben“ mit hoher Wahrscheinlichkeit die These unterschiedlich, aber eine ausführliche Umfage würde hier den Ramen sprengen.

Die erste Antwort der Firma DATEV als Zitat:

„Wir nutzen dieses Medium bisher primär dazu, Schüler/-innen über unsere verschiedenen Ausbildungsberufe zu informieren und einen Einblick in unsere Ausbildungsarbeit zu geben. (Anmerkung von mir: vergleiche hierzu auch den Artikel vom bildungsklick.de) Ziel ist es, Ausbildungsinhalte und Tätigkeiten näher zu erläutern, um den Jugendlichen eine genauere Vorstellung des jeweiligen Berufes zu vermitteln. Die informellere Umgebung soll dazu anregen, bei Fragen auf uns zuzukommen. Hiermit soll auch falschen Vorstellungen über den Beruf vorgebeugt werden. Natürlich ist es andererseits beabsichtigt, Interesse am jeweiligen Beruf zu wecken und das Unternehmen als innovativ und fortschrittlich zu präsentieren.

Nun zu Ihrer Frage, ob „Mit Hilfe von Weblogs [.] die Kommunikation zwischen Auszubildenden, den Ausbildungsbetrieb und der Berufsschule (im dualen Bildungssystem) mit wenig Aufwand realisiert werden“ kann.

Aus unserer Sicht kann ein Weblog die persönliche Kommunikation zwischen den Beteiligten nicht völlig ersetzen, sondern ergänzend als modernes und informationsvermittelndes Medium dienen. Nicht alle für die Ausbildung relevanten Sachverhalte sind für die Öffentlichkeit bestimmt. So setzen wir für die Kommunikation zwischen unseren Auszubildenden intern ein Ausbildungsforum und ein Ausbildungswiki ein. Steht die Kommunikation im Vordergrund, so eignet sich unseres Erachtens ein Forum in einer Newsgroup besser, da ein Weblog in der Regel auf eine sehr begrenzte Autorenzahl ausgerichtet ist.

Die Ausbildungsnachweise durch einen täglich geführten Blog zu ersetzen, stellt prinzipiell eine gute Idee dar. Doch da bei Corporate Blogs die Gefahr der versehentlichen Veröffentlichung von Unternehmensgeheimnissen besteht, müsste jeder Blogbeitrag vor der Veröffentlichung von Verantwortlichen durchgelesen werden. Bei einer Vielzahl an Auszubildenden wird der Aufwand unverhältnismäßig groß.

Zweite Antwort der Firma INPROMO als Zitat:

Meine Ausbilderin hat den Blog intiiert und ich bin froh darüber, weil wir so sehr schön die Web 2.0  Welt kennenlernen können.

Eine Kommunikation zwischen Schule,  Betrieb und mir, wäre sicherlich was interessantes, jedoch nicht zu realisieren. Der Grund dafür ist, dass  wir alleine für unsere schulischen Leistungen verantwortlich sind, sprich unser Betrieb lässt uns da freie Hand.
Was die Lehrer davon halten würden…ich denke  mit jüngeren Lehrern, die offen für Neues sind, könnte man evtl. gut miteinander kommunizieren. Ich könnte es mir sehr gut bei einem Klassenblog vorstellen. Vorrausgesetzt natürlich, die Motivation kommt von beiden Seiten (Lehrer und Schüler).
Unserer Lehrer ziehen ihren Stoff mehr oder weniger trocken durch und sind froh wenn die Stunde vorbei ist. Zumindest kommt mir das bei einigen so vor. ;).“

Ich möchte mich hier noch einmal für die Beantwortung herzlich in aller Öffentlichkeit bedanken. Erhalte ich weitere Antworten der anderen Unternehmen, so werden diese hier erscheinen.

Zum Vergleich: Berichtshefte von 1959:

Berichtsheft 1Und wenn man beide Varianten miteinander vergleicht hier noch vier Seiten aus Berichtsheften von 1959 (technischer Zeichner). Die Berichte mussten wöchentlich geschrieben werden. Pro Woche eine Doppelseite. Von der Doppelseite eine Seite Tätigkeitsbericht, die andere Seite eine Zeichnung. Diese durfte als Handskizze oder als Bleistiftzeichung, nicht als Tuschezeichnung, ausgeführt werden. Zur Vollansicht auf die Bilder klicken.

Berichtsheft 3

Berichtsheft 2Berichtsheft 4

Die heutigen Ausbildungsnachweise sehen aber auch schon wieder anders aus…

Kommunikation zwischen Unternehmen, Schulen und Auszubildenden; wie es sein könnte:

Meine Idee wäre es Auszubildenden die Wahl zu lassen zwischen Ausbildungsnachweisen und Blogs zu schreiben. Allerdings würde ich darauf hinweisen, welche Vor- und Nachteile die einzelnen Varianten hätten. Ich gehe auch davon aus, dass Ausbildungsnachweise schreiben für die meisten Auszubildenden ein graus ist und dies mit Sicherheit für Lehrlinge im handwerklichen Bereich. Ich versuche mich nun einmal aus der Sicht eines Auszubildenden mir die Vor- und Nachteile der beiden Varianten gegenüberzustellen:

Vorteile klassischer Ausbildungsnachweis:daumen hoch

  • Wenn die Unterschrift für die Woche drunter steht ist die Sache vergessen,
  • geringst möglicher Aufwand für eine „öde Sache“,
  • wenn ich mich verschrieben habe sieht das nur mein Ausbilder und ich kann den Fehler ohne mich zu outen korrigieren,

Nachteile klassischer Ausbildungsnachweise:daumen runter

  • Was in den Ausbildungsnachweisen steht interessiert sowieso niemanden, (warum denn dann überhaupt schreiben?)
  • völlig unmotivierend
  • ich kann damit nichts anfangen, (außer, dass ich diese Nachweise für meinen Abschluss brauche)

Vorteile Blognachweis:daumen hoch

  • Ich kann ein gut geführten Blog auch als Visitenkarte / „Arbeitsprobe“ benutzen und in einer Bewerbung darauf hinweisen. Wenn ich mich über das Internet bewerbe sogar darauf verlinken.
  • viele kreativen Möglichkeiten (man muss sie aber kennen)
  • Ich kann mich mit anderen über meine Ausbildung unterhalten (Feedback von Ausbildern, Auszubildenden, …)

Nachteile Blognachweis:daumen runter

  • Ich darf mir keine Fehler erlauben (ich denke dies wird subjektiv so empfunden),
  • Jeder kann das sehen (man kann diesen Punkt auch als Vorteil ansehen, kommt auf den Standpunkt an),
  • ich kann das nicht (Hemmschwelle).

Nachdem ich nun in die Mokassin eines Auszubildenden geschlüpft bin bleibt noch zu bemerken, das diese Vor- und Nachteile durchaus sehr unterschiedlich wahrgenommen werden können. Eine extrovertierte Persönlichkeit sieht eher die Vorteile als eine introvertierte Persönlichkeit, hinzu kommen auch Vorkenntnisse etc.

Ein entscheidender Punkt wird dabei sein, ob man ein Blog freiwillig schreibt oder ob das Führen eines Bolgs aufdiktiert wird. Daher könnte ich mir eine (freiwillige) Probezeit von einem halben Jahr (Schulhalbjahr) gut vorstellen. Es gehört ohne Zweifel auch Fingerspitzengefühl von kommentierenden Lehrern oder Ausbildern dazu den Auszubildenden nicht in aller Öffentlichkeit durch Kommentare runterzuputzen. An diesem Punkt ist man genau wieder beim Kompetenzlernen angelangt (siehe Web 2.0 in der Berufsausbildung IV) dies gilt für beide Seiten, Ausbilder sowohl Auszubildender. Wie oben von der Firma DATEV richtig bemerkt besteht die Gefahr, dass ungewollt Firmeninterna an die Öffentlichkeit geraten. Hier muss entschieden werden wie dies zu verhindern ist. Eine Möglichkeit besteht darin die Blogs nur für einen bestimmten Personenkreis zugänglich zu machen. Die Lösung der Firma DATEV interne „Azubi-Foren“ und „Azubi-Wikis“ einzusetzen ist meiner Meinung nach sehr innovativ gedacht. Für große Unternehmen, die ggf. auch noch überregional oder gar international agieren mit Sicherheit zukunftsweisend, vergleiche auch den Beitrag von Tim Schlotfeld Voraussetzungen für die Einführung von Knowledge Blogs in Organisationen und Wikis, RSS und andere Dinge im Unternehmen.

Die Umsetzung eines solchen „Projektes“ bedarf auch einige Voraussetzungen:

  • Lehrer und Ausbilder müssen sich mit diesem Medium auskennen und auch deren möglichen (Aus-) Wirkungen kennen.
  • Der Betrieb, das Unternehmen muss grundsätzlich dafür offen sein!
  • Die Industrie- & Handelskammer muss dieser Art von Ausbildungsnachweis zustimmen (Sicherlich mal interessant nachzufragen. Was dabei wohl rauskommen würde?)
  • Jeder in einem Ausbildungsjahr und/oder einer Berufsschulklasse muss am Arbeitsplatz Zugang zum Internet haben.

Vorläufiges Fazit:

Das Blogs für Azubis funktionieren zeigen die oben aufgeführten Beispiele. So wie ich mir den Einsatz von Blogs in der Ausbilung vorstelle existieren leider noch nicht. (Oder ich habe sie in den Weiten des Internets nicht gefunden.) Wer hier ein Konzept entwickelt der leistet echte Pionierarbeit und erst dann kann man die obige These verifizieren.

Why do I blog this?: Obwohl ich schon mit meiner ALK durch bin möchte ich diese Serie abschließen. Offene und angekündigte Sachen sind meiner Meinung nach peinlich und irgendwann auch unglaubwürdig. Außerdem interessiere ich mich für das Thema, da ich großen Spaß hätte solch ein Projekt im Detail zu entwerfen und zu begleiten. Vielleicht ergibt sich auch mal eine überregionale Zusammenarbeit. Das Zeitalter der Globalisierung ist längst angebrochen. Das moderne Klassenzimmer hört, meiner Meinung nach, nicht mehr an der Tür auf…

An meiner grafischen Darstellung muss ich auch noch feilen. Die Bilder rutschen nie dorthin, wo ich sie haben will.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Berufsbildung, Web 2.0, Weblogs

5 Antworten zu “Web 2.0 in der Berufsschule (V)

  1. Ein interessanter Artikel. Die Frage, ob das „System Schule“ und das – ich nenne es mal verkürzt – „System Web 2.0“ mit der Anforderung eines Autonomieerlebnisses zusammenpassen können, habe ja Reinmann und Bianco schon aufgeworfen.

    Ich hatte übrigens einen Kommentar von dir aus dem Februar vergessen zu beantworten:

    http://www.tschlotfeldt.de/node/886#comment-3974

    Entschuldige bitte.

    -Tim

  2. Adrian

    Ich als ausgelernter hätte damals lieber meinen ausbilungsnachweis als Blog festgehalten als schrftlich auf papier… klasse idee!

    MFG http://azubibox.de/PhoenixStyle/

  3. Sehr interessanter Artikel aber leider muss man bei uns sagen, dass ein Großteil der Lehrer und die komplette Schulleitung nicht mal annähernd fähig wären so etwas umzusetzen, die arbeiten im Unterricht noch mit den Folien von vor zehn Jahren und haben noch nicht mal ne Mailadresse

    • ths

      @ausbildung-kaufmann Ich weiß, die Hürden scheinen für viele noch sehr hoch zu sein. Aber, warum die Zukunft nicht ändern? Das wird mit Sicherheit später ein Projekt von mir werden. Wenn jemand Interesse hat mit mir den Weg dafür zu bereiten soll sich melden.

  4. Pingback: r@m - Mannheim » Blog Archive » Web 2.0 in der Berufsschule - Bloggen in der Ausbildung

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