Physikdidaktik von Galileo Galilei – ein Vergleich

galileo galilei

Erstaunlich ist es schon, wenn man unter physikdidaktischen Gesichtspunkten die Discorsi von Galileo Galilei (Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend, von 1638!) und den modernen Physikunterricht (vertreten durch Schlichting, H. Joachim und Backhaus, Udo: Physikunterricht 5-10, 1981) miteinander vergleicht.

Aus einem Seminartext von David Kuhnert, Münster habe ich mir die wesentlichen Gegenüberstellungen der Didaktik von Galilei und dem didaktischen Konzept aus heutiger Sicht zusammengetragen. Die heutigen Konzepte werden in diesem Text hauptsächlich durch die oben bereits erwähnten Autoren vertreten. Hinzu kommen noch Piaget, Jean und Wagenschein, Martin, auf die sich der Autor des Textes stützt.

Physikdikatik aus heutiger Sicht:

     

  • Nach Piaget ist es für den Lernenen unbedingt notwendig an bekanntes Wissen anknüpfen zu können. Das Wissen muss durch Assimilation oder Akkomodation aufgenommen werden.
  • Schlichting und Backhaus betonen ein emotionales Lernen. Sie betonen, das gerade negative Gefühle der Erkenntnisgewinnung entgegenwirken.
  • Schlichting und Backhaus fordern wie Wagenschein, wenn auch in einer abgewandelten From, das im Unterricht von Phänomenen ausgegangen werden muss.
  • Ebenso ist es notwendig, das die Schüler gerade in den jüngeren Jahrgängen ihre Alltagssprache gebrauchen dürfen, da sie ihre Vorstellungen mit dem neuen verknüpfen können.
  • Beispiele sollten so gewählt werden, das eine kritische Reflexion der bestehenden Welt durch potentiell emanzipatorische Themen behandelt werden können.

Physikdidaktik in der Discorsi von G. Galilei:

     

  • Galilei war stehts begeistert von der Physik und ihren Phänomenen. Diese Begeisterung ist als „Funke“ auf seinen Schülerndiscorsi übergesprungen. “ Ich habe stets an den von mir selbst gemachten Entdeckungen die größte Freude gehabt; nächst diesem hauptsächlichen Vergnügen aber ist mir das Angenehmste, sie einem Freunde mitzuteilen, der dafür Verständnis hat und Gefallen daran findet.“ (G. Galilei, 1632; S. 223)
  • Insbesondere richtet sich sein Buch an gebildete Laien die in der Discorsi durch Salviatis Gesprächspartner Sagredo und Simplicio vertreten werden. Somit ließ sich Galilei auf eine einfache Sprache ein. Normalerweise wurden solche Arbeiten in der damaligen Zeit auf Latein abgefasst.
  • Die Discorsi sollte auch als Orientierungshilfe bezüglich der Wahl des Studiums dienen. Einerseits im Hinblick darauf später Schüler zu unterrichten, die sich bewußt für das Fach entschieden haben und andererseits, da Galilei aus eigener Erfahrung ein Studium (der Medizien) abgebrochen hat, weil er dazu von seinem Vater genötigt wurde.
  • Galilei wählt solche Themen, bei denen er weiß, dass sie bei Sagredo und Simplicio Begeisterung und Aufmerksamkeit hervorrufen. „Salviatis zu Sagredo und Simplicio: Sie denken vielleicht an jenen Satz, den ich Ihnen neulich vortrug, als wir ein Verständniss dafür suchten, weshalb man ein so viel grösseres Gerüste erbaut, um jene grosse Galeere vom Stapel zu lassen, während man sie lange nicht in demselben Maasse kleiner für kleinere Schiffe gebraucht, wobei Sie bemerkten, es geschehe das, um die Gefahr des Zerbrechens durch den Druck der ungeheuren Last zu vermeiden, ein Umstand, dem die kleinen Holzmassen nicht ausgesetzt seien….“ (G. Galilei, 1638, S.3 f.)
  • Galileo Galilei vertreten durch Salviatis will positive Gefühle wecken, die die Motivation seiner Schüler steigern sollen. Können die Probleme während des Gesprächs geklärt werden, dann verleiht vor allem Sagredo seiner Freude Ausdruck: „Ich aber freue mich auf Grund dieser Discussion die Ursache einer Erscheinung gefunden zu haben, die mir lange Zeit wunderbar und unerklärbar erschien.“ (G. Galilei, 1638, S. 16) Gerade diese Freude ist für das entdeckende Lernen wichtig.
  • Erhält man eine Erklärung vom Lehrer darf sie nicht einfach „geschluckt“ werden, sondern bedarf einer eigenen Hinterfragung: Sagredo sagt diesbezüglich: „… indess wäre mir eine selbsteigene Ueberzeugung mehr werth, als das blosse Vertrauen auf die Versicherung eines anderen.“ (G. Galilei, 1638, S. 119)
  • Galilei greift an einigen Stellen bewusst unwahrscheinlichen Tatsachen auf oder er nimmt sich die Fehlvorstellungen seiner Schüler an.
  • Galilei begründet im Vorwort zum Dialogo seine Dialogform damit: „Ich dachte weiter, es sei von großem Vorteil diese Gedanken in Form eines Gespräches zu entwickeln, weil ein solches nicht an die strenge Innehaltung der mathematischen Gesetze gebunden ist und hie und da zu Abschweifungen Gelegenheit bietet, die nicht minder interessant sind als der Hauptgegenstand.“ Galilei, Dialogo S. 6f)unterredungen

Und wer noch nicht genug hat findet die Originalübersetzung der Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze betreffend im Verlag Harri Deutsch.
Why do I blog this? Ich persönlich finde es erstaunlich, dass schon am Anfang des 17. Jahrhunderts diese didaktischen Formen entweder bewusst oder unbewusst von Galilei eingesetzt wurden. Es weißt somit auch darauf hin, dass wir in der heutigen Zeit in den Erziehungswissenschaften, hier speziell der Physikdidaktik keine nennenswerten neuen Erkenntnisse hervorgebracht haben. Ein anderes Beispiel, das in die gleiche Richtung ziehlt ist das Werk Emile von Rousseau. Würde man in der Erziehung endlich aus diesen bewussten Einsichten praktischen Nutzen ziehen, wäre man einen großen Schritt weiter. Darüber nachzudenken lohnt sich allemal!

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Physikdidaktik

Eine Antwort zu “Physikdidaktik von Galileo Galilei – ein Vergleich

  1. ja, ja; solche Gemeinsamkeiten sind immer wieder interessant!
    Ich war während meiner Facharbeit sehr positiv überrascht, als mir die Gemeinsamkeiten zwischen römischer Philosophie und heutiger Ratgeberliteratur auffielen. Manches ist sehr verblüffend. Da merkt man mal, dass der Mensch sich geistig gar nicht unbedingt weiterentwickelt.

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